Ein Loblied auf meine Lehrzeit in der EWS

Als Kind und Jüngling verstand ich viele Dinge noch nicht. Mir schienen manche Methoden in Schule und Lehre unsinnig und belastend, nur dazu geeignet, uns Heranwachsende mit unnötigen Lehrstoffen zu schikanieren. Später verstand ich mehr und sah das ganz anders. Heute, nach Beendigung des aktiven Berufslebens, bin ich meinem Schicksal sehr dankbar, das es mir damals ermöglichte, eine derart gründliche Ausbildung vermittelt zu bekommen.

Vom 1. September 1949 bis 31. August 1952 erlernte ich den Beruf des Elektromechanikers in der Elektrowärme Sörnewitz, einem bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zum Siemens-Konzern gehörenden Betrieb. Sein Produktionsprofil umfasste zu meiner Zeit hauptsächlich die Herstellung und Reparatur von Elektrowärmegeräten für Haushalt und Industrie, Klein- und Großgleichrichtern für die Ladung der Akkumulatoren von Elektrokarren und Telefonanlagen.

Speziell erforderliche Produktionseinrichtungen wurden im eigenen Werk konstruiert und gefertigt. Das Werk bestand insbesondere aus den Abteilungen Wärmegerätebau (der konkrete Name ist mir entfallen), Gleichrichterbau, Stanzerei, Werkzeugbau, Schmiede, Gießerei, Elektrowerkstatt, Prüfgerätebau, Galvanik, Emailliererei, Reparaturwerkstatt, Versuchsfeld, Konstruktionsbüro, Küche, einer Gärtnerei, den notwendigen Verwaltungsabteilungen und einer großen Lehrwerkstatt mit zugehöriger Betriebsberufsschule.

Die Belegschaft umfasste etwa 1000 Mitarbeiter. Ein Betrieb also mit geradezu idealen Bedingungen für eine umfassende Berufsausbildung zum Werkzeugmacher, Elektromechaniker, Elektromonteur, Blechschlosser (Klempner) oder Technischen Zeichner.

Die Voraussetzung für die Aufnahme als Lehrling war das Bestehen einer Eignungsprüfung, die Reiner Seibt in einem speziellen Beitrag auf www.ewslehrlinge.de.vu sehr anschaulich und ausführlich schilderte. Meine Erinnerungen an die Einzelheiten der Eignungsprüfung sind nicht derart detailliert, aber in besonderer Erinnerung ist mir, dass wir Bewerber zusätzlich zu den theoretischen Prüfungen im praktischen Teil u. a. Kupferdraht von etwa 1,5 mm Durchmesser mithilfe von Rund- und Flachzange in merkwürdige Figuren biegen sollten, die auf einer Zeichnung dargestellt waren. Was das mit Elektrotechnik zu tun hatte, war mir damals unverständlich.

Mit dieser Eignungsprüfung traf der Betrieb bereits eine sehr zweckmäßige Vorauswahl, um die für eine Berufsausbildung ungeeigneten Bewerber von vornherein auszuschließen und damit die Basis für fachlich hochqualifizierte Mitarbeiter zu legen. Wie gründlich und durchdacht die Organisation in den Siemens-Werken war, wird in dem Buch aus den 30er Jahren "DAS SIEMENS-SCHALTGERÄTEWERK BERLIN" - oder ähnlicher Titel - vom Verfasser Hans Dominik sehr anschaulich und interessant geschildert. Leider besaß ich es nur leihweise für kurze Zeit.

Am 1. September 1949 begann also meine Lehre. Meine Vorstellungen zum Lehrberuf - sofortige Vermittlung praktischer Fähigkeiten für elektrotechnische Arbeiten - erfüllten sich anfangs in keiner Weise. Das gesamte erste Lehrjahr bestand aus dem Erlernen mechanischer Fertigkeiten wie Feilen, Bohren, Senken, Gewindeschneiden, Reiben, Drehen, Fräsen, Blechbearbeitung, Schmieden usw. Besonders ersteres konnte ich nicht verstehen: Was hatte das so gründliche und zeitraubende Erlernen des Feilens mit Elektrotechnik zu tun?

Nach einigen Monaten dieser meines Erachtens vollkommen berufsfremden Tätigkeit protestierte ich beim Lehrobermeister Mansfeld und wollte die Lehre aufgeben. Ein gütiges Schicksal bewahrte mich aber zum Glück vor diesem unüberlegten Schritt.

Heute bin ich dankbar für eine derart gründliche Ausbildung auch und besonders für die Vermittlung mechanischer Fertigkeiten, die mir lebenslang eine ausgezeichnete Basis im Berufsleben waren, den Ordnungssinn schulten und nicht zuletzt das systematische und korrekte Denken förderten.

Im zweiten Lehrjahr begann die fachspezifische Ausbildung, die nun meinen speziellen Wissensdrang bis zum Ende der Lehrzeit vollkommen zufrieden stellte. Während ich diese Zeilen verfasse, liegen vor mir meine Berichtshefte Nummer 3 bis 5 (die vorangehenden sind leider verloren gegangen). Sie sind eindrucksvolle Zeugnisse der Qualität meiner Berufsausbildung.

Als Beispiel aus einem Berichtsheft die Übersicht über die im zweiten Lehrjahr vermittelten Fertigkeiten:

Ein Ausschnitt aus meinem Berichtsheft, drittes Lehrjahr (mit Wickelschema eines Drehstrommotors)



Nach dem Ende des ersten Lehrjahres verließen wir Elekto-Lehrlinge die große Grundausbildungs-Lehrwerkstatt im zweiten Stock des Hauptgebäudes. Unsere fachliche Ausbildung wurde in einer separaten Elektro-Lehrwerkstatt fortgesetzt.

In zunehmenden Maße durchliefen wir viele Abteilungen des Betriebes, um fachspezifische Kenntnisse vermittelt zu bekommen: Elektrische Schaltungstechnik, Messtechnik, Prüftechnik, Temperaturregelung, Anzeigetechnik, Fernsprechtechnik, Sicherungstechnik, Konstruktionsmerkmale von Gleichstrom- und Drehstrom-Motoren, Transformatorenberechnung und -anfertigung und vieles mehr.

Entsprechend der Gewissenhaftigkeit des jeweils verantwortlichen Facharbeiters in den einzelnen Abteilungen wurde mir fachliches Wissen vermittelt, ich lernte aber auch Unkorrektheit, Nachlässigkeit und den Spieltrieb und deren Folgen für einzelne Facharbeiter kennen.

Fachlich für mich hochinteressant, aber wegen der räumlichen Umstände nicht sehr angenehm war der Einblick in das Wesen der Fernsprechtechnik während eines mehrwöchigen Einsatzes in der fensterlosen Telefonzentrale mit ständig ratternden Telefonwählern bei Herrn Weinhold.

Besonderen Eindruck hinterließen aber die Wochen bei Betriebsingenieur Henry Küster/TVB1 im Hauptgebäude. Er entwickelte damals neben vielen anderen interessanten Hilfseinrichtungen die elektronische Drehzahl-Steuerung eines Kochplatten-Drehautomaten. Die mir noch weitgehend fremde Welt der Elektronik beeindruckte mich zutiefst, steigerte meine fachliche Neugier und beeinflusste schließlich meine weitere berufliche Laufbahn in Richtung Elektronik/Funktechnik.

1952 schloss ich nach drei anfangs harten, später aber hochinteressanten Lehrjahren meine Ausbildung mit gutem Ergebnis als Elektromechaniker ab.

Noch weitere zwei Jahre arbeitete ich in der Abteilung Gütekontrolle, im "RÜBO" (Rückwaren-Büro) als Gütekontrolleur. Meine Aufgabe bestand darin, zur Reparatur angelieferte Geräte zu prüfen, das Ergebnis in einem Befund niederzuschreiben, das Gerät in die zuständige Abteilung weiterzuleiten und nach erfolgter Reparatur eine Ausgangskontrolle durchzuführen. Diese Arbeit entsprach genau meinen Neigungen. Sie fand ich hochinteressant, zumal ein großer Teil der Reparaturgeräte aus Gleichrichtern bestand. Ihr "Innenleben" war für mich wesentlich faszinierender als das einfacher Wärmegeräte.

Mein Interesse galt zunehmend der Elektronik und geheimnisvollen Funktechnik. Eine Anzeige in der Fachzeitschrift "Deutsche Funktechnik", worin die Fachschule für Fernmelde- und Funkwesen Berlin freie Ausbildungsplätze in ihrer Abteilung Funkwesen in Königs Wusterhausen anbot und Bewerber suchte, ließ mich 1955 "meinen" Lehrbetrieb verlassen und bis 1958 ein erfolgreiches Studium der Funktechnik absolvieren. Dabei waren mir das umfangreiche, in der EWS erworbene Wissen, die dortige Erziehung zu Gewissenhaftigkeit, Ordnung und Fleiß ausgezeichnete Grundlagen.

Diese hervorragende Erziehung blieb die Basis meiner beruflichen Tätigkeit während meiner gesamten recht erfolgreichen beruflichen Laufbahn. Meine Ausbilder und Lehrer in der EWS verstanden es, den ihnen anvertrauten jungen Menschen Strebsamkeit, Wissbegier, die Liebe zum Beruf und viele weitere positive Charaktereigenschaften zu vermitteln. Beck, Kreße, Kernschmidt, Paul sind einige der mir unvergesslich bleibenden Namen guter Ausbilder und Lehrer, an die ich mit Hochachtung und großer Dankbarkeit zurückdenke.

Die EWS besuchte ich später nur gelegentlich und immer seltener als Gast. Jetzt, über 50 Jahre nach meiner Lehrzeit existiert sie nicht mehr. In meinem Gedächtnis aber ist noch alles wie damals: Der Werkseingang mit dem Pförtner, der Hof, die Bahngleise darauf, der Lange Gang mit den Stechuhren gleich hinter dem Eingang und dem Aggregat weiter hinten rechts zur Erzeugung hohen Gleichstromes für die Galvanik, der Speiseraum, die Produktionshallen, der Werkzeugbau, die Stanzerei mit den großen Friktionsspindelpressen, der Schrottplatz (worauf teilweise recht interessante Dinge lagen), der Teich, der Südbau mit seinem Schornstein und der Berufsschule.

Mit etwas wehmütigen Gefühlen denke ich an diese Zeit zurück. Unangenehmes ist vergangen und vergessen. Die Erinnerung breitet einen rosa Mantel über diese Zeit. Noch heute bildet die Elektromechanik die Grundlage eines meiner Hobbys: elektronische und mechanische Arbeiten für Familie, Haus und Grundstück. Ein sehr erfülltes Berufsleben liegt hinter mir, nicht zuletzt dank der hervorragenden Ausbildung in der Elektrowärme Sörnewitz.

Manfred Albrecht

Zur Eingangsseite
Zurück zur vorangehenden Seite