Erinnerungen an meine (Lehr-) Zeit im VEB Elektrowärme Sörnewitz EWS von September 1954 bis Juli 1958

Ein Bericht von Rainer Zeuner 


Ende 2002 oder Anfang 2003 erscheint in den "Dresdner Neuesten Nachrichten" ein Artikel über die Entwicklung und den Niedergang der ehemaligen EWS. Dummerweise hebe ich den Artikel nicht auf, obwohl sich meine beruflichen Wurzeln in der EWS befinden. Da ich ab und zu in Lommatzsch meine Schwester besuche, denke ich seit dem Erscheinen des Artikels auf der Rückfahrt immer an die EWS. Auch am 28.01.03 fahre ich im späten Nachmittag von Meißen nach Coswig und entscheide mich spontan, einen Umweg über Sörnewitz zu machen. Das Werktor steht offen, der Eingang beim Pförtner ist demoliert und ich fahre in meinen ehemaligen Lehrbetrieb hinein bis zu einem Gebäude, welches ich nicht kenne. In diesem befindet sich ein Fitness - Studio. Es ist nasskalt, der Wind pfeift und sonderlich hell ist es zu dieser vorgerückten Tageszeit auch nicht mehr. Zu Fuß und etwas desorientiert laufe ich durch das Gelände und versuche mich an markante Merkmale zu erinnern.



Am 1. September 1954 fing ich die Lehre als Elektromonteur in der EWS an. In diesem Lehrjahr begann für eine Reihe von Lehrlingen die Ausbildung u. a. zu Werkzeugmachern, Elektromechanikern und Elektromonteuren. Es gab nur zwei Elektromonteurlehrlinge, mein Spannemann Günter Hoffmann aus Meißen und ich. Unsere Lehrzeit sollte 2 1/2 Jahre betragen, davon (wenn ich mich recht erinnere) ein halbes Jahr Grundausbildung Metall in der Lehrwerkstatt. Mein Lehrausbilder hieß Gutermann und ich sehe mich noch an meiner Werkbank in der Lehrwerkstatt im II. Stock des alten Backsteingebäudes stehen. Wir lernten Feilen, Bohren, Hämmern, Sägen, Nieten, Gewinde schneiden, Schmieden, Drehen, Hobeln, Schleifen, Reiben. Eine der ersten Aufgaben war die Herstellung eines Zaunriegelhalters aus einem U-Stahl-Stück. Das Feilen eines Doppelmaulschlüssels aus dem Vollen, das Hämmern eines Wiegemessers und die Herstellung einer Beckenfußmaschine für Schlagzeuger.



M10 Gewindeschneiden mussten wir in die Handräder der Kipp-Bratpfannen, welche im Betrieb hergestellt wurden und ich hatte es doch tatsächlich fertig gebracht, einen 10ner Gewindeschneidbohrer abzubrechen.

Lehrausbildernamen waren z.B. Siedler und Wagner.

Nach der Grundausbildung Metall ging es in der E-Werkstatt richtig zur Sache. Erinnern kann ich mich an den Meister Thrum, den Lehrausbilder Winkler und meine Mitkollegen Magerstädt, Krause Heinz (Heini), Lehmann Klaus (Lecker), Knop Joseph (Jup), Meier, Geisel Bruno, Wuttke E-Karren-Spezi und dem Telefoner Weinhold Fritz; die anderen Namen sind mir entfallen. Kreuzgefährlich war es, mit Geisel Bruno auf Fehlersuche zu gehen. Der hatte dicke Hornhaut auf den Fingern und prüfte immer mit den Fingern, ob "Saft" auf der Anlage war. Aber um was zu merken, musste er die Finger immer anlecken, was jedoch keine Garantie dafür war, dass die Anlage spannungsfrei war.

Im Februar 1957 konnte ich meine Facharbeiterprüfung ablegen, arbeitete noch bis zum Sommer 1958 in der EWS, um noch nicht ganz 18-jährig ab September 1958 die Fachschule in Zittau zu besuchen, welche ich 1961 abschloss. Zumindest 1959, evtl. auch 1960, arbeitete ich in den großen Sommerferien in der EWS, um meine Einkünfte etwas aufzubessern.

Zu meiner damaligen EWS-Zeit sollten die in der betriebseigenen Gießerei gegossenen Kochplatten mit verchromten Überlaufringen ausgestattet werden. Die Platten hatten dafür eine eingestochene Nut. Der Ring wurde aus einem stumpf geschweißten Stahlband hergestellt und erhielt die gewünschte gewölbte Form auf einer Maschine, um dann in der Galvanik verchromt zu werden. Um den Ring auf die Platte zu bekommen, musste dieser erwärmt werden, damit er sich ausdehnte. Dann schnell so über die Platte gestreift, dass beim Erkalten und Zusammenziehen der Ring fest in der Nut saß. Diese Vorrichtung zum Erwärmen habe ich mit gebaut. Sie bestand aus kreisförmig angeordneten, oben offenen u-förmigen Trafokernen. Im Inneren der Trafokerne befand sich eine wasserdurchflossene, aus Kupferrohr plattgewalzte und isolierte Spule, die an eine Spannungsquelle angeschlossen wurde. Und ich denke noch daran, wie ich mich mit Krause Heini gemüht habe, die runden Rohre so platt zu walzen, dass sie wickelbar waren und noch genügend Wasser durchfloss. Trotz vieler Rückschläge konnte ich aber erleben, dass die Anlage in der Produktion eingesetzt wurde.

Einmal muss mich der Teufel geritten haben. Ich ging mit einem Kupferdrahtring zu der Arbeiterin, welche die Anlage bediente und bat sie, ob sie den Ring nicht mal erwärmen könnte. Die stählernen Überlaufringe wurden mit einer Griffvorrichtung eingesetzt, welcher während des Erwärmungsvorganges auch zur Belastung darauf blieb und verhinderte, dass der Ring durch das el. Magnetfeld herausgeschleudert wurde. Auf meinen Kupferring passte die Griffvorrichtung natürlich nicht, so dass die Arbeiterin den Ring nichtsahnend nur allein einlegte. Mann kann sich lebhaft vorstellen, was passierte. Der Kupferring schoss nach Betätigung der Stromzufuhr senkrecht in die Luft, ohne jedoch jemand zu verletzen. Die Arbeiterin erschrak zutiefst und ich hatte meine diebische Freude daran.

In der EWS gab es ein Mundharmonikaorchester, welches zu Betriebsveranstaltungen oder Rentnerweihnachtsfeiern aufspielte. Ich dachte, dass ich Mundharmonika spielen könnte und meldete mich dort an. Der Leiter sagte mir aber, dass man mit der Zunge einen Teil der Löcher zuhalten müsste, um Melodie und Bass spielen zu können. Zu Hause übte ich mit dem "Schnauzenhobel" so lange, bis meine Mundwinkel blutig waren und ich in das Orchester aufgenommen wurde. Noch heute habe ich es nicht verlernt. Wenn meine 6-jährige Enkeltochter jetzt bei mir ist, muss der Opa immer was vorspielen und sie spielt auf ihrer Mundharmonika mit, dass es ein schaurig schönes Konzert ist.

Ja, oben schrieb ich: Zu Fuß und etwas desorientiert laufe ich durch das Gelände und versuche mich an markante Merkmale zu erinnern. Der ganze Flachbau zwischen Straße und Backsteinbau ist weg, keine E-Werkstatt mehr, keine E-Karrengarage, kein Heizwerk, kein "Langer Gang", Weinholds Telefonerwerkstatt gleich hinter den Lohnbüro links im langen Gang ist weg, keine Stechuhren mehr. An der Gangbeleuchtung des langen Gangs, einer Mehrfachkreuzschaltung, habe ich wochenlang gearbeitet.

Keine Galvanik, kein Bügeleisenband, keine Poliererei, keine Schleiferei, keine Betriebskantine mehr. An der Rückseite eines Komplexes erkenne ich die Fundamente, auf denen die Ventilatoren standen, welche ich so oft reparierte, es war die Lackiererei. Ich suche die große Halle des Schnitt- und Werkzeugbaus, die Halle, wo die große wuchtige Tiefziehpresse stand, mit der die Mulden der E-Herde gezogen wurden und merke, dass ich mich nicht zurecht finde. Plötzlich geht es nicht mehr weiter, ein Zaun zum AEG-Gelände.

Nun ist es schon beachtlich dunkel geworden und ich kämpfe mit mir, ob ich der Verlockung einer im Backsteinbau offen stehenden Stahltür widerstehen sollte. Die Vernunft unterliegt der Erinnerung. Ich nehme meine etwas unzuverlässige Taschenlampe und das Handy aus dem Auto, steige über Dreck, Glasscherben und Unrat in den zweiten Stock und suche meine alte Lehrwerkstatt. Ich erinnere mich, dass sie am anderen Ende des Blocks war. Nach einigem Suchen finde ich tatsächlich den letzen großen Raum in dieser Etage. Eine später eingezogene Trennwand irritiert mich anfänglich, aber an der eisernen Schiebetür erkenne ich den Raum, wo die el. Säge stand. Jetzt befinden sich dort demolierte Sanitäreinrichtungen. Das ist auch der Startpunkt zur Orientierung und ich finde nach fast 50 Jahren die Stelle im Raum wieder, wo ich als 14-jähriger meine ersten Feilenstriche übte. Da überkommt mich doch etwas Wehmut und ich gedenke dankbar einem Moment lang all derer, welche mir geholfen haben, meinen Start und meinen Weg in den Beruf und ins Leben zu finden.

Dann tappe ich den gleichen Weg zurück und komme unbeschadet wieder am Auto an.
Ich fahre noch vor bis zum Bahnhof, es war mein täglicher Arbeitsweg. Es gab damals einen heimlichen Wettbewerb, wer von den Zugfahrern der Erste am Werktor war. Dann wende ich, fahre nach Dresden und bin Gedanken immer noch in der EWS.


Das Thema EWS beschäftigt mich auch heute noch. Da ich Zugang zum Internet und ein gutes Suchprogramm installiert habe (Copernic Agent Basic V6.0), suche ich nach Elektrowärme Sörnewitz und finde tatsächlich u.a. die Lehrlingsseite der Werkzeugmacher 1949-1952. Ich greife zum Telefon und rufe den mir unbekannten Volkmar Bleul, Auf der Höhe 10, 01662 Meißen, 03521-403734 an, stelle mich vor und erzähle ihm meine gestrigen Erlebnisse. Da kommen wir ins Gespräch und reden lange von der EWS und unseren Erlebnissen in diesem Betrieb. Volkmar Böhm hat sein ganzes berufliches Leben in der EWS, nach der Wende in der vom EWS-Gelände abgetrennten AEG verbracht und kann mir eine Menge davon erzählen, was zwischen 1958 und 1992 passiert ist. Da entschließe ich mich, meine Erlebnisse aufzuschreiben und per eMail an den Betreiber der o.a. Homepage Reiner Seibt, Lindenstraße 30, 02694 Großdubrau OT Spreewiese, Tel.: 035932-32053, r-seibt@freenet.de zu senden. Sollte sich wider Erwarten ein ehemaliger Lehrling 1954-1957 oder sogar mein Freund Günter Hoffmann auf diese Seite verirren, so würde ich mich sehr über ein Lebenszeichen freuen.
Mit freundlichen Grüßen

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